Frankreich: Ein Gegengutachten kritisiert den ANSES-5G-Bericht als offenkundige, die allgemeine Gesundheit gefährdende Begünstigung der Industrielobby

3. Juni 2021 in Artikel

Aufgrund ihrer Analyse, Literaturrecherche und Bewertung der präsentierten wissenschaftlichen Sachverhalte sahen sich Alerte Phonegate  und  Robin des toits zu einer detaillierten kritischen Betrachtung des neusten ANSES-Berichtes* über 5G veranlasst. Jener Bericht ist ihrer Meinung nach eher politischer als wissenschaftlicher Natur.
*ANSES = Agence nationale de sécurité sanitaire de l’alimentation, de l’environnement et du travail

Pressemitteilung, Phonegate Alert und Robin des toits, Freitag, 28. Mai 2021
Übersetzung durch Frequencia
Quelle: www.phonegatealert.org 
>>> Zugriff Gegengutachtenbericht

„Damit man nachvollziehen kann, warum wir die zu Unrecht beruhigend wirkende Kommunikation rund um die Veröffentlichung des Berichts anprangern, fassen wir die wichtigsten Kommentare und Vorschläge unseres gemeinsamen Gegengutachtens zusammen. Diese Stellungnahme umfasst 52 Seiten und wird der ANSES im Rahmen der öffentlichen Konsultation, die am 1. Juni endet, vorgelegt:

  • Die vor der Einführung von 5G formulierten verschiedenen Forderungen nach einem Moratorium, wie insbesondere die 2017 von mehr als 170 internationalen Experten und Ärzten, darunter Prof. Dominique Belpomme und Dr. Marc Arazi, unterzeichnete Forderung, die bereits mit dem Mangel an wissenschaftlichen Studien speziell zu diesen neuen Frequenzen begründet wurde, werden durch den Bericht der ANSES voll bestätigt. Doch obwohl die Agentur auf insgesamt 241 Seiten den Mangel an wissenschaftlichen Daten einräumt, zieht sie nicht die notwendigen Schlussfolgerungen. Damit setzt ANSES, aber auch die mit den Arbeiten verbundene ANFR, ganz klar und bewusst ein potenzielles Gesundheitsrisiko sowohl für die Anwohner der Relaisantennen als auch für die Nutzer von Mobiltelefonen in Kauf und degradiert sie zu Versuchskaninchen.
    > Wir erinnern an die Notwendigkeit eines Moratoriums auf nationaler und europäischer Ebene
  • Der Bericht zeigt ein eklatantes Missverhältnis zwischen den Ressourcen, die für wissenschaftliche Studien zu 5G bereitgestellt werden, und den Hunderten von Milliarden, die von Herstellern und Betreibern für die Vermarktung dieser neuen Frequenzen ausgegeben werden. In Frankreich sehen wir das gleiche Ungleichgewicht zwischen dem Verkauf von Frequenzen für fast 3 Milliarden Euro an die Betreiber und die auf der anderen Seite paar Hunderttausend Euro, die von der öffentlichen Hand für den Schutz der Bevölkerung umverteilt werden. Noch deutlicher wird dies auf europäischer Ebene mit der Finanzierung der Europäischen Kommission.
    > Die vom Staat bereitgestellten Mittel für gezielte unabhängige wissenschaftliche Studien müssen im Einklang mit den Belangen der öffentlichen Gesundheit erhöht werden.
  • Die Entscheidung für eine uneingeschränkte Ausrichtung der ANSES an den ICNIRP-Empfehlungen entspricht unseres Erachtens einer politischen Übernahme der Behörde durch die Aufsichtsministerien unter dem Einfluss der Lobby der Mobilfunkindustrie. Damit markiert der Bericht eine sehr bemerkenswerte Wendung im Vergleich zu den eigenen früheren, recht mutigen Berichten von 2016 und 2019 (die hier völlig fehlen), die es ermöglichten, den Phonegate-Skandal aufzudecken und damit bestimmte Elemente der Überexposition der Nutzer gegenüber der Strahlung ihrer Mobiltelefone aufgrund der schwerwiegenden Versäumnisse der ICNIRP-Standards in Bezug auf den Gesundheitsschutz der Nutzer zu beleuchten.> ANSES muss über die notwendige Unabhängigkeit verfügen, um eine kritische Untersuchung der ICNIRP-Empfehlungen und der damit verbundenen Interessenkonflikte durchzuführen.
  • Eine der grundlegenden Konsequenzen der Angleichung an die ICNIRP ist es, nur die thermische Wirkung der Strahlung anzuerkennen. Dies lässt alle unabhängigen wissenschaftlichen Studien beiseite, die über nicht-thermische Effekte berichten. Die Tatsache, dass es zu diesem Zeitpunkt keinen offiziellen Konsens gibt, bedeutet nicht, dass ANSES die damit verbundenen möglichen gesundheitlichen Auswirkungen nicht berücksichtigen sollte.
    > In einem Kontext wissenschaftlicher Zweifel muss die ANSES die Behörden auffordern, das Vorsorgeprinzip anzuwenden.
  • In Anbetracht der thermischen Wirkungen der Strahlung und des wissenschaftlichen Konsens wendet sich die ANSES von ihren eigenen Empfehlungen (2016, 2019) bezüglich der schlechten Qualität des SAR-Indikators (Spezifische Absorptionsrate) zur Messung der realen Exposition von Mobiltelefonbenutzern ab und berücksichtigt im Bericht in keiner Art und Weise deren Nichtanwendung durch französische und europäische Behörden. Die Behörde erinnert die Öffentlichkeit lediglich mehrfach an die Notwendigkeit, die Grenzwerte zu unterschreiten.
    > Die ANSES muss diesen Bericht mit ihren früheren Empfehlungen in Einklang bringen und über Gesundheitsrisiken jenseits der gesetzlichen Werte berichten.
  • Noch besorgniserregender ist, dass es laut ANSES fast keine Studien gibt, die die lokale Exposition und Absorption der Strahlung von neuen Mobiltelefonen messen. Dies gilt auch für den ANFR, der bisher nichts über Expositionsmessungen zu 5G-Mobiltelefonen veröffentlicht hat. Darüber hinaus erwähnt keine der beiden Agenturen die derzeitige Unmöglichkeit, die SAR-Werte genau zu messen, die sich bei den neuen 5G-Mobiltelefonen aus der gleichzeitigen Emission mehrerer Antennen mit unterschiedlichen Frequenzen ergeben. Dies gilt umso mehr für die bevorstehende Kohabitation von SAR- und Leistungsdichte-Indikatoren in echten 5G-Smartphones (24-26 GHz).
    > ANSES und ANFR müssen diese Punkte so schnell wie möglich in voller Transparenz klären und die Behörden dazu bringen, sich ihrer Verantwortung zu stellen.
  • Was die Exposition bei Frequenzen über 24 GHz betrifft, haben weder ANFR noch ANSES wirklich zukünftige Entwicklungen in Betracht gezogen, was die Notwendigkeit betrifft, die Anzahl der Mikroantennen in der Nähe (z.B. in einem Stadion, einem Büro, einer Straße) zu erhöhen, mit der Folge einer Überexposition von Menschen, aber auch von allen Lebewesen. Der Bericht gibt eine Reihe von Informationen über die Expositionswerte der Bevölkerung, die nicht der Realität entsprechen, mit dem einzigen Ziel, diese zu unterschätzen und zu beruhigen, um die Einführung von 5G zu ermöglichen. Er geht nicht auf das Thema Elektrohypersensibilität ein und vergisst dabei den eigenen Bericht von 2018.
    > Es ist daher dringend notwendig, diese neuen Expositionsquellen, die sich an der Grenze zwischen nahen und fernen Quellen befinden und für die keine zuverlässige Methode bekannt ist, messen zu können.
  • Der Empfehlungsbrief der ANSES (2019) berücksichtigte die möglichen Umweltschäden im Zusammenhang mit der allgemeinen Exposition gegenüber 5G nicht, und zwar in Bezug auf Pflanzen, Insekten und Lebewesen als Ganzes. Und dazu sagt auch der neuste Bericht so gut wie nichts, denn er berücksichtigt weder die damit verbundenen Risiken noch die Co-Faktoren, die die schädlichen Auswirkungen der Funkfrequenzen auf Mensch und Natur potenzieren, noch die Folgen auf die globale Erwärmung.
    > Die ANSES und damit die öffentliche Hand hat die Verantwortung, die Natur zu schützen und Gefahren für die biologische Vielfalt und das Klima zu verhindern.
  • Die Entscheidungen bei der Auswahl von Artikeln oder Studien in der Bibliographie und deren Interpretation durch die Mitglieder des Expertenkomitees zeigen unserer Meinung nach eher einen politischen als einen wissenschaftlichen Ansatz, um der Regierung die weitere Entwicklung von 5G zu ermöglichen. Damit hat ANSES der Wissenschaft den Rücken gekehrt. Sie hat absichtlich alle wissenschaftlichen und medizinischen Arbeiten aus ihrer Darstellung entfernt, die die Auswirkungen von Millimeterwellen auf die Gesundheit (Schmerzbehandlungen, kardiovaskuläre Störungen, Diabetes, Dermatitis, Magengeschwüre, Asthma bronchiale, infantile zerebrale Diplegie, Krebs usw.) oder auf die Verwendung im militärischen Kontext als nicht-tödliche oder tödliche Waffen aufzeigen.
    > Die ANSES muss ihre gesamte Arbeit zu den gesundheitlichen Folgen der 5G-Strahlung überarbeiten, um unsere Anmerkungen, diejenigen der ECERI-Arbeitsgruppe und diejenigen anderer Beiträge zu berücksichtigen.

Im Hinblick auf den Abschlussbericht fordern wir von der ANSES, dass sie die endgültige Arbeit im Rahmen einer öffentlichen Debatte einer Gruppe von internationalen Experten vorlegt, die unabhängig von jeglichen Interessenskonflikten und für ihre Kompetenz auf dem Gebiet der Hochfrequenzwellen anerkannt sind. Nur so kann das Vertrauen zwischen allen Parteien und vor allem in der allgemeinen Öffentlichkeit wiederhergestellt werden.“

Alerte Phonegate ist ein Verein der 2018 gegründet wurde und mit seinen Partnern zur einer globalen Strategie für die Nutzung von Mobiltelefonen, digitalen Tablets, verbundenen Objekten oder jeder anderen neuen Technologie beizutragen, die elektromagnetische Wellen verwendet, unter Bedingungen, die die Gesundheit der Nutzer und insbesondere der Kinder schützen.
Robin des Toits ist ein 2004 gegründeter Verein der sich mit den gesundheitlichen, ökologischen und gesellschaftlichen Auswirkungen von Technologien beschäftigt, die künstliche elektromagnetische Wellen aussenden.

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